Einen Tag in der Gedenkstätte Point Alpha verbrachten
die Schüler und Schülerinnen der Q3 am 10. September 2013.

Im Zwiespalt des Ost-West-Konflikts: Point Alpha zwischen sozialistischem Gefängnis und demokratischer Freiheit

Ein rauer, kalter Wind weht uns um die Ohren, als wir mit unseren Leistungs- und Grundkursen in Politik und Wirtschaft (PoWi) an einem kühlen Herbsttag 2013 aus den Reisebussen steigen. Unsere PoWi-Lehrer Herr Bolländer, Herr Kaminski, Herr Gutjahr, Herr Breuer, Herr Döldissen und Frau Macheroux geben uns eine kurze Einführung zur Observation Point Alpha. Wir befinden uns an der Grenze zwischen den Bundesländern Thüringen und Hessen in Geisa mitten in der Rhön.

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Schon beim Betreten des Geländes rund um Point Alpha, dem ehemaligen Beobachtungsturm der USA im Kalten Krieg, ist uns mulmig zumute. Doch erst bei der Führung wird es uns ins Bewusstsein gerufen. Wir stehen an der ehemaligen innerdeutschen Grenze, die vor 25 Jahren noch die westliche Bundesrepublik Deutschland (BRD) und die östliche Deutsche Demokratische Republik (DDR) voneinander trennte.

In unseren Kursen und gemeinsam mit einem Begleiter erkunden wir das ehemalige Sperrgebiet. Neben der Observation Post weht die US-amerikanische Flagge. Zwar gab es neben Point Alpha noch vier weitere Beobachtungsstützpunkte der USA, jedoch galt Point Alpha als der bedeutendste.

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Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges übernahmen die Siegermächte von 1945, nämlich die USA, die Sowjetunion, Frankreich und Großbritannien die Oberhand in Deutschland und teilten es in vier verschiedene Besatzungszonen ein. Hierbei sind allerdings nur die US-amerikanische und die sowjetische Zone von großer Bedeutung, denn sowohl im politischen als auch im wirtschaftlichen Sinn waren die beiden Supermächte im 20. Jahrhundert sehr weit voneinander entfernt.

Den Gegensatz der NATO, dem Nichtangriffspakt westlicher Staaten wie den USA, bildete der Warschauer Pakt, der militärische Beistandspakt östlicher Staaten unter Führung der Sowjetunion. In der Mitte des 20. Jahrhunderts eskalierte das gespannte Verhältnis der Machtblöcke im sogenannten Kalten Krieg, bei dem es aber nie zu einer tatsächlichen militärischen Auseinandersetzung kam.

So steht also auch Point Alpha symbolisch für das atomare Wettrüsten in der Zeit der innerdeutschen Teilung. Deutschland sei, wie es uns der Leiter unserer Führung berichtet, oft als Schauplatz des Kalten Krieges bzw. als Pulverfass angesehen worden, das jederzeit hätte explodieren können.

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Mit dem Hochziehen des „Eisernen Vorhangs“ in den 1960-er Jahren, wie die Berliner Mauer häufig genannt wurde, und dem Bauen höherer Zäune an der Grenze zwischen Ost und West, patrouillierten die Soldaten nun auch öfter und strenger. Gnadenlos erschossen sie Flüchtlinge, die versuchten, sich einen Weg in die Freiheit raus aus der sozialistischen DDR zu bahnen.

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Nach der Begrüßung sind nun wir an der Reihe. Unser Leiter führt uns zu einem Plakat, auf dem mehrere Personen zu sehen sind, welche 2005 für ihr Engagement bei der Bildung einer Deutschen Einheit den „Point-Alpha-Preis“ erhielten. Sollten wir sechs Personen auf dem Foto erkennen, so verspricht der Leiter, uns einen Cola-Kasten auszugeben.

Mit dem Gedanken an die Belohnung beginnen wir motiviert, die Personen aufzuzählen. Gemeinsam kommen wir jedoch nur auf fünf Personen, unter anderem Helmut Kohl, George Bush und Michail Gorbatschow, sodass wir die Wette nicht gewinnen. Allerdings wird uns bei der Auflösung klar, dass wir die fehlende sechste Person gar nicht erraten können, da diese ein unbekannter Dolmetscher ist, dessen Namen nicht einmal unser Leiter kennt.

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Einige Minuten später bekommen wir Gänsehaut – auch ohne den kalten Wind, der uns um die Ohren weht –, als wir uns im „Haus auf der Grenze“ eine Kurzdokumentation über das Jahr 1989 in Deutschland ansehen. Mit dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 nahm auch der Ost- West-Konflikt zwischen den Machtblöcken Sowjetunion und den Vereinigten Staaten von Amerika ein Ende. Dies führte nicht nur in Deutschland zu großem Aufatmen, sondern auch auf der ganzen Welt.

Doch erst mit der Wiedervereinigung Deutschlands endete der Einsatz an Point Alpha, der 1985 für die Verteidigungslinie „Fulda Gap“ (Fulda-Lücke) erbaut wurde, um frühzeitig einen Überfall von Seiten der „Warschauer Pakt“-Staaten zu erkennen.

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Nachdem wir an den Panzern in Originalgröße, der Militärkleidung und den Zelten der Soldaten vorbeilaufen, erscheint uns die Zeit während des Kalten Krieges längst nicht mehr so abstrakt und unverständlich. Zuvor haben wir dieses Thema im Unterricht nur besprochen oder bloß etwas darüber gelesen.

Doch in dem Moment, in dem wir wirklich an diesem historischen Ort stehen, sehen wir die Zeitspanne der dunklen Geschichte Deutschlands nun womöglich doch mit anderen Augen. Es sieht vieles noch so aus wie damals, was uns daran erinnert, dass der Tag, an dem der Turm zum letzten Mal zum Einsatz kam, noch gar nicht lange her ist.

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Wie wir von unserem Begleiter erfahren, gab es in jener Zeit auch einen sehr unauffälligen Helden, Stanislaw Petrow, einen Oberst der sowjetischen Luftabwehrstreitkräfte. Dieser beobachtete am 26. September 1983 Flugzeuge aus westlicher Richtung, was von der Sowjetunion vermeintlich als Angriffsversuch interpretiert wurde.

Doch Petrow zögerte und wollte nicht den Befehl für einen Gegenangriff geben. Genau das war die richtige Entscheidung, denn bei der sowjetischen Beobachtung handelte es sich bloß um ein Versehen und der Westblock wollte gar keinen Angriff starten. Wegen der Verweigerung des Befehls jedoch wurde der Offiziersheld entlassen. Durch ausländische finanzielle Unterstützung konnte er überleben.

Der heute 74-jährige Petrow lebt zurückgezogen in einem kleinen Vorort Moskaus. Für sein tapferes und eigenwilliges Handeln erhielt er den „World Citizens Award“, denn letztlich hat er mit seiner kleinen Rebellion gegen das sowjetische Regime den Ausbruch des Dritten Weltkriegs verhindert.

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Schon bald machen sich unter uns Schülerinnen und Schülern Fragen breit: Was wäre passiert, wenn es zwischen den zwei Supermächten USA und Sowjetunion nicht allein beim atomaren Wettrüsten geblieben wäre? Was wäre geschehen, wenn sowjetische Soldaten den Thüringer Balkon (so nennt man den Bereich, in dem die Amerikaner am ehesten einen sowjetischen Überfall befürchteten) überwunden und einen Angriff auf Frankfurt, das in der amerikanischen Besatzungszone lag, gestartet hätten? Denn Point Alpha wäre der Ort gewesen, an dem die Invasion von östlicher Seite begonnen hätte. Wäre dann der Dritte Weltkrieg ausgebrochen?

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Auch wenn der Ausflug einige unserer Fragen beantwortet hat, so bleiben doch viele offen. Die Meinungen der Oberstufenschülerinnen und -schüler sind nach dem erlebnisreichen Tag gespalten, was möglicherweise auch an dem kalten Klima in der Rhön liegt, dem wir trotzen müssen.

Zwar reisen wir verfroren nach Offenbach zurück, jedoch kommt dafür für den einen oder anderen etwas Licht ins Dunkel der innerdeutschen Geschichte während des Kalten Krieges.

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Der Tag hat uns gezeigt, dass die Welt heute nicht mehr die wäre, die sie einmal war, wenn es tatsächlich zu einem Kriegsausbruch gekommen wäre. Wir können also von Glück reden, dass nicht noch mehr passiert ist. Das Mahnmal „Point Alpha“ soll uns bewusst machen, wie sinnlos es doch ist, Grenzen zu schlagen und sich mit anderen zu verfeinden.

Mehr Informationen zur Gedenkstätte Point Alpha unter www.pointalpha.com.

Patricia Kaschky und Asimina Tassopoulou (Q3)
[2/2014]

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Fotos: Frau Macheroux