Der Besuch der indianischen Musiker Wade Fernandez und Mitch Walking an der ASS ist inzwischen zu einer festen Einrichtung geworden. Erneut hatten ausgesuchte Schüler/innen der 8. Klassen Gelegenheit, ihre englischen Sprachkenntnisse in einem authentischen Rahmen anzuwenden und dabei wertvolle Erkenntnisse über die Traditionen und das heutige Leben der amerikanischen Ureinwohner zu gewinnen. Wade Fernandez wurde dieses Jahr von seinem 17-jährigen Sohn Wade Junior begleitet.

Dr. Michael Koch vom Stadtjugendamt stellte einführend den Verein zur Unterstützung indianischer Jugend-, Kultur- und Menschenrechtsprojekte (Tokata LSPG Rhein-Main) vor, dessen Vorstand er angehört.

Von besonderem Interesse für unsere Schüler waren dann die Schilderungen des jungen Wade Fernandez zur Schulsituation in den Reservaten: Häufig sind die indianischen Schüler subtilen Formen von Diskriminierung ausgesetzt; schlimmer jedoch war die Situation in den sog. „Boarding Schools“ im 19. und 20. Jahrhundert,  in die indianische Kinder zwangsweise eingewiesen wurden, um sie an die weiße Kultur zu assimilieren und von ihrem indigenen kulturellen Erbe zu entfremden.

Die Fragen der gut vorbereiteten Schülerinnen und Schüler betrafen eine Vielzahl von Themen: Wohn- und Arbeitssituation im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne, Umgang mit z.T. rassistischen Klischees, Pflege der indianischen Sprachen, Mythologie, Symbolik usw. Es wurde deutlich, dass die Spiritualität in der Kultur der indigenen Stämme auch heute noch eine große Rolle spielt, z.B. bei der Namensgebung, bei Zeremonien oder bei Bestattungen. Interessant war in diesem Zusammenhang zu erfahren, wie unsere Gäste zu ihren aussagekräftigen Beinamen kamen („Black Wolf“, „Standing Bear“, „Walking Elk“). Die enge Verbundenheit zur Natur und ihrem Schöpfer („Creator“ oder „Great Spirit“) wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Wir erfuhren auch Dinge, die nicht in den Geschichtsbüchern zu finden sind, so z.B. die Wahrheit hinter dem „Thanksgiving“-Fest: die anfängliche Harmonie zwischen den Ureinwohnern und den ersten europäischen Pilgern schlug im Laufe der brutalen Vertreibung der Indianer von ihren Ländereien sehr bald in Feindschaft um.

Die Spannung zwischen Natives und der amerikanischen Mehrheitsbevölkerung hält bis heute an. Mitch, der dem „American Indian Movement“ angehört, nennt als Hauptgegner die US-Regierung, die Kirche (Thema „Zwangsmissionierung“) und das Erziehungswesen, welches zentrale Werte wie „love“, „respect“ und „ceremony“ zu wenig berücksichtigt.

Bevor uns die Gäste einige Kostproben ihrer Musik auf den mitgebrachten Instrumenten gaben, appellierten Mitch und Wade an unsere Schüler, stets ihrem Ruf („calling“) zu folgen,  ihre Talente zu entwickeln und fest zu ihren Überzeugungen zu stehen.

[Lz – 6/2017]