Am 21. September 2017 besuchten alle Geschichtskurse der Q3 unter der Leitung von Herrn Dr. Tretter, Herrn Koch, Herrn Brößner, Herrn Scheuermann, Herrn Döldissen und Herrn Winkler die ehemalige NS-Tötungsanstalt Hadamar.  Von 1941 bis zum Kriegsende 1945 wurden dort unter dem nationalsozialistischen Regime in zwei Mordphasen ca. 14.500 Menschen ermordet.

In zwei Gruppen machten sich die Kurse im Rahmen des Geschichtsunterrichtes zur Vertiefung der Themen „Nationalsozialistische Ideologie und NS-Verbrechen“ auf den Weg zur Tötungsanstalt Hadamar. Zuvor wurden die Rassenlehre und der Sozialdarwinismus der Nationalsozialisten schon im Unterricht behandelt. Doch in Hadamar wurde die unfassbare Unmenschlichkeit und Grausamkeit dieser Ideologie noch einmal ganz anders und sehr schockierend verdeutlicht. Angekommen in Hadamar ließ das alte, unscheinbare Gebäude, in dem heute noch klinische Einrichtungen untergebracht sind, kaum erahnen, was sich dort im letzten Jahrhundert ereignet hatte.

Bevor die Führung durch die Tötungsanstalt begann, gab es eine zweistündige theoretische Einführung. In dieser wurde uns die Geschichte der ehemaligen Landesheilanstalt erläutert, die unter den Nationalsozialisten zu einer Tötungsanstalt umfunktioniert worden war. Die Nationalsozialisten begründeten ihr Vorgehen unter Berufung  auf die sogenannte Rassenlehre. Behinderte und psychisch kranke Menschen wurden als „lebensunwertes Leben“ eingestuft, welches zu vernichten galt, um die Rasse „rein zu halten“ (Rassenhygiene). Diese Menschen würden der Volksgemeinschaft keinen „Nutzen“ erbringen, sondern diese nur finanziell belasten. Anhand von Bild- und Schriftquellen aus der damaligen Zeit wurde uns näher gebracht, wie die Nationalsozialisten diese die Würde des Menschen verletzende These schon früh den Menschen vermittelten. Beispielsweise wurden schon in der Schule Mathematikaufgaben gestellt, in denen die Kosten für den Bau einer Heilanstalt für psychisch kranke Menschen denen für den Bau einer Wohnsiedlung gegenüberstellt wurden.

Bevor die Tötungsanstalt den Betrieb aufnahm, wurden Menschen mit psychischen und physischen Behinderungen denunziert, diskriminiert und verfolgt. 1934 trat das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft, woraufhin sich ca. 400.000 Menschen bis Kriegsende einer Zwangssterilisation unterziehen mussten. Krankheiten, die laut den Nationalsozialisten ein solches Eingreifen legitimierten, waren z.B. „Schwachsinn“ oder Depressionen.

Es wurde deutlich mit welcher Kaltblütigkeit die Nazis über das Schicksal dieser Menschen entschieden. 5000 dieser Menschen starben an den Folgen der Operationen. Der nicht-medizinische und vollkommen absurde Begriff des Schwachsinns ließ einen großen Spielraum für die Ärzte als „Gutachter“, in dem sie nach ihrem eigenen Ermessen willkürlich entscheiden konnten. Mithilfe von Plakaten propagierten die Nationalsozialisten in der Öffentlichkeit auch immer wieder, dass eine gesunde, arische Familie auch gesunde Nachkommen zur Welt bringe und andererseits Kinder kranker Eltern ebenfalls krank werden würden. Doch Depressionen und weitere Behinderungen und Krankheiten könnten auch erst im Laufe eines Lebens auftreten, z.B. aufgrund eines Traumas. Immer wieder wurde uns vor Augen geführt, mit welchen primitiven, sinnfreien und vor allem menschenverachtenden Begründungen die Nazis ihr Vorgehen rechtfertigten.

Im Jahre 1939 wurden die Morde an psychisch kranken und behinderten Menschen akribisch genau und strategisch geplant, so dass die Bevölkerung nichts mitbekam. Adolf Hitler erließ nachträglich eine Tötungsermächtigung. Die Morde wurden von den Tätern als „Euthanasie“ bezeichnet, einer von vielen Euphemismen der Nationalsozialisten, der aus dem Griechischen stammt und übersetzt „schöner Tod“ bedeutet. Die spätere Führung durch die Tötungsanstalt zeigte uns, dass dies alles andere als ein „schöner Tod“ war, sondern ein qualvoller und schmerzhafter.

Das Vorgehen wurde in unterschiedliche Mordaktionen eingeteilt. In der Tötungsanstalt Hadamar, die als letzte von sechs Anstalten eingerichtet worden war, waren dies die „T4-Aktion“ und die zweite Mordphase. „T4“ ist eine Abkürzung für die Adresse der damaligen Zentraldienststelle T4, die für die Morde zuständig war und ihren Sitz in der Tiergartenstraße 4 in Berlin hatte. Während der T4-Aktion wurden die Menschen in den Anstalten in Gaskammern ermordet.

Die Morde wurden im Sommer 1941 gestoppt und die zweite Mordphase wurde geplant. Dabei wechselte die Zuständigkeit für die Morde, die nicht mehr in Berlin lag. Stattdessen wurde das Vorgehen dezentral von einzelnen Verwaltungen in der Region gesteuert. Die Menschen wurden allerdings nicht mehr in Gaskammern ermordet, sondern durch gezielte Mangelernährung, eine Überdosis an Medikamenten, bewusst vorenthaltene medizinische Versorgung und durch Herabstufung von Hygienestandards.

Während unserer Führung gingen wir den gleichen Weg durch die Anstalt, den damals auch die Opfer gegangen waren. Sie kamen ahnungslos in großen Bussen in einer hölzernen Busgarage an, die bis heute noch teilweise aus Originalteilen besteht. Anschließend mussten die Opfer ihre Kleider im Entkleidungsraum ablegen. Daraufhin wurden Menschen mit Goldzähnen und Menschen, deren Körperteile für Forschungszwecke verwendet werden sollten, markiert. Den Opfern wurde anschließend gesagt, sie sollten zum Duschen in den Keller gehen. Auf einer schmalen Treppe ging es in den Keller, in einen Vorraum und einen kleinen „Duschraum“. Dieser war extra so ausgelegt, dass er wie ein ganz normaler Duschraum wirkte und die Menschen keinen Verdacht schöpften, was mit ihnen  geschehen wird. In einen 12 m² kleinen Raum wurden ca. 50 Menschen gequetscht. Beim Anblick der Fläche, kam es uns nahezu unmöglich vor, wie dort 50 Menschen Platz finden sollten und alleine darin spiegelte sich schon die Unmenschlichkeit wider.

Durch Kohlenstoffmonoxid  (CO) starben die Menschen innerhalb von zehn bis fünfzehn Minuten und durch eine Luke wurde geschaut, wann alle tot waren und der Gashahn zugedreht werden konnte. Es war ein Moment der Stille, als wir vor der Gaskammer standen und versuchten das zu verarbeiten bzw. überhaupt realisieren zu können, was Mitte des letzten Jahrhunderts dort geschehen war.

Das Ausmaß der Grausamkeit, wie ein Mensch imstande sein konnte, dies zu tun und  über Leben und Tod zu entscheiden, blieb unbegreiflich. An den einzelnen Stationen lasen wir Personenkarten von Opfern oder Tätern vor, auf denen ihr Schicksal geschildert ist, und Zitate einen Einblick in die Gedankenwelt des Einzelnen gaben, sodass man die Möglichkeit besaß, sich in die Personen hineinzuversetzen und die ganze Historie aus einer subjektiven und multiperspektivischen Sichtweise zu betrachten.

An der Stelle der Gaskammer hörten wir ein Zitat von einem Arbeiter, der den Gashahn betätigte und von einem „Gnadentod“ der Menschen sprach. Dieser Begriff begegnete und während der Führung immer wieder. Die Menschen, die Organe besaßen, die für wissenschaftliche Zwecke genutzt werden sollten, wurden nach ihrer Ermordung seziert und die Körperteile an Forschungseinrichtungen und Universitäten geschickt. Die letzte Station waren die Krematoriumsöfen.

Zum Abschluss der Führung gingen wir noch auf den damaligen Anstaltsfriedhof hinauf, auf dem heute eine Gedenkstätte eingerichtet ist, die an die Gräueltaten erinnert. Eine Gedenksäule zeigt eine mahnende Botschaft an die nachfolgenden Generationen: „Mensch, achte den Menschen“.

Durch die Exkursion erlebte man Geschichte auf eine ganz andere und neue Weise. Wir erhielten  unfassbare, bedrückende und schockierende Eindrücke, die man erst einmal verarbeiten musste. Es ist eine wichtige Form der Auseinandersetzung mit einem der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte.

Der Tag in Hadamar war ein Tag gegen das Vergessen und gegen das Wiederauftreten einer solchen Geschichte. Dies ist gerade in politisch angespannten Zeiten von großer Bedeutung, in denen rechtspopulistische Parteien mit nationalem Gedankengut wieder Aufwind gewinnen und den Blick auf diesen Teil der Geschichte zu verstellen versuchen.

Franziska Walther (Q3)
[11/2017]