Mit dieser Kurzgeschichte gewann Mira Röhm den Erzählwettbewerb der Schulen in der Stadt und im Landkreis Offenbach im Schuljahr 2008/09.

Sie saß in der Ecke, den Pulli über ihre Knie gezogen. Im schwachen Licht der Laterne, die von draußen in ihr Zimmer schien, konnte man erkennen, dass sie weinte. Tränen flossen aus ihren Augenwinkeln quer über ihr Gesicht und fielen dann auf den ausgefransten Pulli. Der Pulli war das einzige Kleidungsstück worin sie sich sicher fühlte. Er war groß und barg sie vor dem Unheil der Welt. Sie unterdrückte ein Schluchzen bei dem Gedanken an Marco. Er hatte sich wieder einmal genommen, was er brauchte. Lena erhob sich. Dabei wurde ihr schwindelig, sodass sie sich an der Wand abstützen musste. Die Wand war kalt, doch ihre Hand war kälter. Sie hatte das Gefühl ihr ganzer Körper sei von einer Eisschicht bedeckt. Ihre langen Haare lagen dicht an ihrem Kopf und im schwachen Mondlicht glänzten sie, als seien sie von tausend Diamanten besetzt. Ihr ganzer magerer Körper zitterte, als sie quer durchs Zimmer auf ihr Bett zulief.

Obwohl sie jede einzelne Stelle ihres Zimmers von klein auf kannte, kam es ihr plötzlich völlig fremd vor und sie glaubte jederzeit stürzen zu müssen. Endlich lag sie unter ihrer Decke. Auch sie war kalt und schützte Lena nicht. Sie warf einen Blick auf ihren Wecker. Noch sechs Stunden, dann würde er klingeln und sie durfte zur Schule gehen. Dann war sie endlich vorbei, die undankbare Nacht, die Nacht, in der sie nichts als Leere verspürte. Nackte Leere. Der Tag würde sie wenigstens mehr schützen als die Nacht, denn die war unerträglich. Sie lag wie ein gelähmtes Schaf da und hoffte, dass der Löwe nicht noch einmal kommen würde, um sie zu fressen.

Lena schwang die Tasche über ihre Schulter, lief nach unten und setzte sich an den Frühstückstisch zu ihrer Familie. Und da kam er auch schon: Marco. Am Anfang war Lena ganz verliebt in ihn gewesen. Er war durchtrainiert und sah verdammt gut aus.

Erst empfand sie seine zärtlichen Küsse als schön, als er aber ihre Grenze überschritt und mehr wollte, versuchte Lena, es zu stoppen, doch da war es schon zu spät gewesen.

Jetzt lächelte Marco sie zuckersüß an. Lenas Handflächen begannen zu schwitzen. Sie wich der Last seines Blickes aus, indem sie aufstand und sagte: „Ich geh jetzt zur Schule.” „ Wozu die Eile, Schätzchen?”, fragte ihre Mutter, „du bist in letzter Zeit immer so… zurückgezogen. Du weißt doch, dass du mit uns über alles sprechen kannst?!” Lena kämpfte mit sich. Marco starrte sie verbissen an. „Es ist nichts”, brachte Lena hervor und verschwand kurz darauf.

Lenas Leben hatte sich seit jenem Moment komplett gewandelt. Sie hatte jetzt nur noch sehr wenig Kontakt zu ihren Freunden. Sie beschränkte sich auf die nötigste Kommunikation zu allen ihren Mitmenschen und lebte vollkommen zurückgezogen.

Gerade saß sie unter einer Brücke im feuchten Gras. Sie fror, doch das war ihr egal. Hauptsache, sie musste nicht nach Hause. Es nieselte und der Regen schien auf Lenas Haut zu Eis zu erstarren. Wie hatte es nur so weit kommen können? Hatte Lena Marco gegenüber ihre Grenze einfach nicht deutlich genug gemacht? Aber Marco war nicht blöd, er hatte sicher gemerkt, dass er die Grenze überschritten hatte! Dass Lena misshandelt wurde, war ihr längst klar, doch sie hatte bisher versucht, es zu vergessen. Wenn Marco kam, ließ sie immer alles über sich ergehen, als sei sie eine Puppe. Sie dachte einfach an andere Dinge, die sie glücklich machten. Sie hatte immer gehofft, sie könne diese ganze Sache in ein Zimmer ihres Gehirns sperren, sie verschließen und normal weiterleben, so wie man manchmal den Schulstress vollkommen vergisst und fröhlich mit seinen Freunden lacht, als sei der Stress gar nicht existent. Jetzt, nach zwei Jahren sah Lena, dass dies nicht möglich war. Diese Sache füllte ihr ganzes Leben aus. Sie war wie ausgebrannt.

Ihr Kopf war leer, die glücklichen Momente wie in Panzerglas eingesperrt – weit weg und unerreichbar. Welchen Sinn hatte ein solches Leben? Lena erschrak bei dem Gedanken an Selbstmord. Nein, dazu war das Leben zu wertvoll! Sie hatte sich vor langer Zeit geschworen, so etwas nie zu tun! Aber was konnte sie versuchen? Sie hatte Marco schon oft gesagt, dass sie es nicht wollte. Er meinte immer nur, dass sie ihn am Anfang angemacht habe und dass ihr klar sein müsse, dass er dann eben mehr wolle. Er schob die Schuld also auf Lena und die gab ihm Recht.

Es begann zu dämmern und Lena kehrte nach Hause zurück, um wenigstens dort den Ärger zu vermeiden. Während sie lief, nahm sie nichts um sich herum wahr: nicht die Nachbarin, die sie freundlich grüßte, nicht den Hund, der bellend am Zaun stand und nicht das Auto, das mit lautem Hupen an ihr vorbei fuhr. Zu sehr war Lena in Gedanken vertieft. Gedanken darüber, wie sie einen Ausweg aus dem Teufelskreis finden konnte.

Eines war ihr jedoch auf diesem kurzen Weg klar geworden: Marco hatte ihre geistige und körperliche Grenze überschritten! Egal, ob es logisch war, dass er mehr wollte oder nicht, er durfte das nicht! Er hatte ihre Grenze zu respektieren! Diese Art von Grenze gab es in jeder Beziehung.

Ein kleiner, winzig kleiner Funke Hoffnung stieg in Lena auf und suchte nach Brennstoff, um entfacht zu werden. Sollte er heute Abend kommen, würde sie ihm das mit der Grenze erklären. Zu verlieren hatte Lena ohnehin nichts mehr.

Die Tür wurde leise geschlossen. Er setzte sich zu ihr ans Bett und sagte: „Hallo, meine Kleine. Hast du schon auf mich gewartet?” „Lass mich! Ich will das nicht!”, entgegnete Lena und war selbst verwundert über die Kraft in ihrer Stimme. Doch es half nichts. Er begann wieder, sie zu küssen und zu streicheln. Lena fing an zu weinen – wie immer. Ihr Protest hatte nicht geholfen. Seine Küsse fühlten sich wie Bisse einer Giftschlange an. Ihr Körper war wieder kalt. Sie war ihm hilflos ausgeliefert. Der Funke in ihr drohte zu erlöschen.

Er beugte sich über sie und küsste ihren Mund, während sie die Wand mit ihrem Blick durchbohrte. „Marco, warte!”, begann sie. Doch er war ganz vertieft und ignorierte sie einfach. „Wir können später reden “, meinte er. Lena fiel in eine Art Ohnmacht. Körperlich war sie da, doch ihr Geist löste sich, wollte es nicht noch einmal erleben, wollte fliehen, weit, weit weg, wo er sie nie finden würde. Aber konnte sie sich überhaupt verstecken, verkriechen? Er würde sie sicher finden! Sie war wie leblos. Vielleicht wünschte sie sich in diesen Momenten sogar den Tod herbei, sie wusste es nicht. Sie war wieder die Puppe, mit der Marco machen konnte, was er wollte. Lena nahm nur das altgewohnte Stöhnen und Keuchen von Marco wahr. Ihre Tränen verursachten ein Brennen in den Augen. Der Körper fühlte sich nun wie verprügelt an. Wann war es vorbei? Wann konnte sie endlich mit ihm reden? Würde er ihr wirklich zuhören? Würde sich etwas ändern? Plötzlich konnte sie wieder alles spüren. Sie war wie aus der Betäubung erwacht. Sie spürte Schmerzen. Höllische Schmerzen! Sie wollte, dass es aufhörte. „ Lass mich!”, sagte sie da so dezidiert, dass Marco von ihr abließ. „Hör mir zu! Ich will das hier nicht! Kannst du das nicht verstehen?! Du hast meine Grenze überschritten und das weißt du ganz genau!” Ein Feuer entfachte in ihr. Ein Feuer des Mutes. „Ich werde mich in Zukunft nie wieder von dir misshandeln lassen! Du zerstörst mich! Du als mein Stiefbruder machst mich kaputt!”, schrie Lena.

Erst wusste sie nicht, ob es etwas bringen würde, sie glaubte, er würde in der nächsten Nacht zurückkehren und sie wieder dem Abgrund der Hölle ein wenig näher bringen. Doch nach einem halben Jahr, in dem er nicht kam, fühlte sich Lena sicher. Ein wunderbares Gefühl kroch durch ihren Körper und füllte langsam jeden Fleck in ihr, das Gefühl, sicher zu sein und frei. Sie begann wieder zu leben. Ihren Pulli, der ihr das Gefühl der Geborgenheit hatte geben können, trug sie trotzdem häufig, denn sie liebte ihn wie ein kleines Kind seinen Teddy liebt.

Was den Umgang mit Marco betraf: Sie wünschte sich, ihn irgendwann nicht mehr als Monster ansehen zu müssen. Er hatte eingesehen, falsch gehandelt zu haben. Ob er sie je um Verzeihung bitten würde, wusste sie nicht. Aber ob sie ihm je verzeihen konnte, dass wusste sie noch weniger. Vielleicht irgendwann. Vielleicht…

Mira Röhm, 7d (2009)