Mit dieser Kurzgeschichte erreicht Mara Wenk (Kl. 7a) im Erzählwettbewerb der Schulen in der Stadt und im Landkreis Offenbach den 2. Platz.
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Das vorgegebene Thema im Schuljahr 2011/12 lautete: “Versprechen”


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My Heart is my Death
von Mara Wenk (Kl. 7a)
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„Ich verspreche es, Vater”, aber ich will nicht, fügte ich in Gedanken hinzu. „Ich werde die nötigen Vorbereitungen treffen und du wirst dich mental sowie physisch auf die Hochzeit vorbereiten, meine geliebte Tochter.” Damit auch ihr versteht, wie es mir gerade geht, werde ich euch am besten die ganze Geschichte erzählen. Ich heiße Mary, bin 16 Jahre alt und soll in drei Tagen verheiratet werden. Ja, ihr habt richtig gehört, ich heirate nicht, sondern ich werde verheiratet und das unter dem Zwang meines ach so geliebten Vaters. Ich habe meinen Verlobten erst dreimal getroffen. Mein Vater meint, es wäre das Beste für mich, aber ich denke er sagt das nur, weil er nicht zugeben will, dass er mich verkauft hat, auf indirekte Weise zumindest. Ich glaube nämlich mein Vater bekommt von meinem zukünftigem Schwiegervater Geld für mich.
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Mir wurde nämlich letztens an den Kopf geworfen, dass ich bald getraut werden sollte. Ich würde mich also mit einem Mann verehelichen, den ich gar nicht kenne und das so schnell wie möglich. Also ich nenne das Verkauf, oder sogar Menschenhandel. Ich hatte meinen Vater nie sonderlich gemocht, doch meine Mutter war früh gestorben und so musste ich mich mit ihm, wohl oder übel, abfinden. Er war besessen darauf, Geld und Macht zu besitzen, dafür würde er alles tun, sogar seine einzige Tochter  verkaufen. Natürlich verletzte mich das, doch ich war es gewöhnt allein zu sein, also konnte ich all dies fast mühelos überspielen. Wie gesagt, meine Mutter starb früh.
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Bevor das geschah  ging ich ganz normal in die Schule, traf Freundinnen, lachte mich im Unterricht über irgendetwas tot und redete in meiner Freizeit fast ausschließlich über Stars, Klamotten und Jungs. Ich führte ein ganz normales Leben. Doch dann zerbrach dieses ganz normale Leben auf einen Schlag. Meine Mutter starb an einem bislang unbemerkten Krebs. Sie starb nach 4 Wochen gnadenlosem Kampf. Ich war am Boden zerstört und schmiss die Schule, ich war damals 14 Jahre. Seitdem hat mein Vater mich ein paarmal unterrichtet. So, das war das Wichtigste über mich.
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Und nun bin ich eine junge Frau und musste meinem Vater versprechen, den Bund der Ehe mit jemandem zu schließen, den ich kaum kenne. Ich war mir sicher, dass mein Verlobter genauso wenig von der Heirat hielt, wie ich. Aber da hatte ich mich wohl getäuscht…
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„Aber ich könnte dich nie lieben”, sagte ich verzweifelt. „Du bist dazu bestimmt, Mary”, sagte Bryan, mein zukünftiger Ehemann. „Aber ich will nicht.” „Du musst es tun, du weißt, was dir sonst blüht.” Ja, das wusste ich, mein Vater hatte es mir oft genug eingetrichtert. Der Tod. „Bin ich denn so schlimm, meine Schöne.” Das bist du Bryan, du bist ein Langweiler und ein altertümlicher Mistkerl dazu, dachte ich im Stillen, aber ich antwortete, trotz dem was ich fühlte: „Nein,  Bryan, es ist nur, dass das so neu für mich ist.” „Ich kann dich ja irgendwie verstehen, aber dein Vater braucht das Geld und außerdem bist du bei mir in guten Händen.” Was für ein selbstverliebter Schnösel, denkt, dass er in mein Herz schauen kann und hält sich für den Frauenversteher. „Ich muss jetzt gehen, es ist schon spät. Tschüsschen”, sagte ich mit gespielter Traurigkeit. Er gab mir einen Kuss auf die Wange und sagte mit so liebender Stimme, dass er mir fast Leid tat: „Ich freue mich auf unser nächstes Treffen.”
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Ich verließ das große Landhaus, ging zur Bushaltestelle und fuhr nach Hause. Dort angekommen ging ich erst mal in mein Zimmer und nahm ein Buch zur Hand. Es klopfte und ich schreckte auf. Ich rief: „Herein.” Mein Vater kam ins Zimmer und sagte, dass er schon einen Pfarrer für die Trauung gefunden habe. Ich tat so, als würde ich mich darüber freuen, aber in meinem Herz schrie eine Stimme: „Nein, das ist so nicht richtig, du liebst ihn doch gar nicht.” „Ich möchte, dass du morgen in die Stadt gehst um ein Hochzeitskleid auszusuchen”, sagte mein Vater und ließ mich wieder allein.
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Am nächsten Morgen ging ich betrübt in die Stadt. Ich bekam Lust auf Kaffee, als mir der vertraute Duft von Starbucks in die Nase stieg, deshalb entschied ich, zuerst dort vorbeizugehen. Dort angekommen war da dieser unglaublich süße Junge an der Theke. Ich ging hin, grüßte ihn freundlich und bestellte mir dann einen doppelten Latte. Als ich bezahlte, lächelte er mich verführerisch an, so dass ich gar nicht bemerkte, dass der Barmixer mir schon das Getränk vor die Nase hielt.
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Scheiße, wie peinlich, der Junge grinste mich nochmal an und fragte dann: „Darf ich dir beim Trinken Gesellschaft leisten?” „Aber klar doch, komm mit”, sagte ich und lief rot an. Wir gingen gemeinsam zu einem der wenigen freien Tische und er fragte mich nach meinem Namen: „Mary und du?” „Erik”, antwortete er. Wir unterhielten uns ein bisschen über dies und das. Und dann  fragte er mich, nein ich lüge nicht, ob ich nicht Lust hätte mit ihm noch ein bisschen durch die Straßen zu ziehen. „Ehmmmm tut mir Leid, Erik, aber das geht nicht.” „Das ist schon in Ordnung, vielleicht ein andermal?” „Ja, ein andermal.” Wir tauschten noch Handynummern aus, ich verabschiedete mich und machte mich auf den Heimweg. Ich dachte über die sonderbare Begegnung mit diesem tollen Jungen nach und darüber, dass ich gar nicht nach einem Hochzeitskleid Ausschau gehalten hatte. Ich war müde und erschöpft und ging ins Bett.
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Ich wachte auf und schaute auf meinen Wecker, schon 12 Uhr mittags! Ich stand auf und machte mich fertig, dann nahm ich mein Handy zur Hand und wählte Eriks Nummer. Er ging beim dritten Klingeln dran. „Hallo, hier ist Erik.” „Hallo, hier ist Mary.” „Hast du Lust was zu unternehmen?” „Ja, klar.” „Dann treffen wir uns in zwei Stunden im Starbucks?” „Okay, bis dann, tschau.” „Ich freu mich, tschau.” Er legte auf, ich war so glücklich. Und in dieser Glückseligkeit vergaß ich Bryan. Im Starbucks angekommen tranken wir einen Kaffee, unterhielten uns und dann beugte er sich zu mir rüber und gab mir einen zaghaften Kuss. Ich war wie betäubt, so atemberaubend schön war dieser Kuss gewesen. Ich küsste ihn auch und da hörte ich es auch schon, das Geschrei meines Vaters…  „Wie kannst du nur, du versaust mir mein ganzes Geschäft!”, schrie mein Vater mich an. „Du bist ein Nichtsnutz, ein Taugenichts!” „Vater, ich, ich kann das erklären!”, versuchte ich ihn zu beschwichtigen, ohne Erfolg. „Erklären, erklären, bringt mir das Geld in die Tasche?” Die Leute gafften schon neugierig.
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Jetzt stand Erik auf: „Beruhigen sie sich, Herr.” „Was willst du denn jetzt, du bist doch an allem Schuld!”, sagte mein Vater, ohne jeglichem Respekt. „Vater beruhige dich, ihn trifft keine Schuld!”, versuchte ich es erneut. „Du kommst jetzt auf der Stelle mit mir nach Hause!”, brüllte mein Vater. Ich küsste Erik noch einmal, als mein Vater nicht hinsah und murmelte: „Wir sehen uns wieder, versprochen.” Ich trottete zu meinem Vater hinüber und warf ihm einen vernichtenden Blick zu, als er mich ansah. „Wir sprechen zu Hause weiter.” Dort angekommen brüllte er zuerst einmal: „Du bist eine Schande für mich und meinen Geldbeutel.” „Und du bist ein scheiß Vater”, brüllte ich zurück und rannte in mein Zimmer. Ich verschloss die Tür hinter mir, legte mich aufs Bett und begann leise zu weinen.
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Irgendwann muss ich wohl eingeschlafen sein, denn als ich aufwachte und auf die Uhr schaute, waren es nur noch vier Stunden bis zur Hochzeit – meiner Hochzeit. Na ja, eher Zwangshochzeit. Ich zog das schwarze Kleid an, das ich an Mutters Beerdigung getragen hatte und das meine Trauer widerspiegeln sollte und betrachtete mich im Spiegel. Ich trug noch ein bisschen Mascara und Lidschatten auf, schnappte mir ein Buch und ging dann in die Küche. Ich ließ mich auf einen Stuhl fallen. Und als ich das Buch fertig hatte, waren es nur noch anderthalb Stunden bis zur Hochzeit. Ich rief Erik an, um ihm alles zu erklären. Er ging dran und ich erzählte ihm alles. Als ich fertig war, sagte Erik fassungslos: „Krass, ich meine, wir leben im 21. Jahrhundert und du sollst zwangsverheiratet werden?” „Ja.” „Und was passiert, wenn du gar nicht erst erscheinst?” „Mir blüht der T… Tod”, sagte ich, erschrocken darüber, wie hart diese Worte waren. „Das kann doch nicht sein.” „Doch, Erik.” Ich hörte, wie sich der Schlüssel an unserer Haustür umdrehte und sagte panisch: „Erik, ich muss jetzt Schluss machen, tschüss.”
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Da trat mein Vater auch schon ein und sagte: „Wir müssen zu deiner Hochzeit, Tochter.” „Ich komme schon.” Mein Vater musterte mich kritisch, sagte aber nichts. Ich sagte auch nichts. Nach einer viel zu kurzen Autofahrt kamen wir an den Ort, wo ich den Bund der Ehe schließen sollte. „Ich will nicht”, murmelte ich die ganze Zeit vor mich hin, in der Hoffnung, mein Vater würde es hören und so etwas sagen wie: „Du musst nicht.” Aber es kam natürlich nichts.
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Ich ging zur Toilette, um mich nochmal frisch zu machen. Vorm Spiegel nahm ich hinter mir eine Bewegung wahr. Ich drehte mich um und da stand niemand anderes als mein Erik, der tollste Junge der  Welt. „Erik, du solltest nicht hier sein”, sagte ich total verlegen. Er sah mich lange an und sagte dann: „Mary, warum tust du dir das an, wir könnten irgendwohin fliegen, wo uns keiner findet. Wir könnten ein neues Leben anfangen.” „Ich kann nicht, Erik, egal wie sehr ich meinen Vater hasse, er ist immer noch mein Vater und er würde zum Gespött der Leute werden, verlassen von seiner Tochter”, sagte ich und versuchte nicht zu zeigen, wie verlockend ich Eriks Vorschlag fand. „Mary, du weißt selber, dass das nicht stimmt.” „Ich kann nicht.”
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Ich drehte mich um und rannte hinaus. Ich rannte an meinem Vater vorbei, an allen Gästen, weg von Erik. Ich rannte und rannte und als ich nicht mehr konnte, sah ich auf und erblickte eine Klippe, die mindestens 20 Meter tief war. Ich dachte noch einmal an meine Mutter, an meinen Vater, der mir nie ein richtiger Vater gewesen war. An Bryan und an Erik. Erik, den ich erst seit so kurzer Zeit kannte und mich trotzdem so verbunden mit ihm fühlte. Und dann dachte ich gar nichts mehr. Es gab nur noch mich und die Klippe. Ich konnte mein Versprechen einfach nicht einlösen. Ich machte zwei Schritte, atmete noch einmal tief durch und sprang…