Dokumenta 2012 1. vor Fridericianum.klein
Früh am Morgen ging es am 20. August 2012 los – nach Kassel zur dOCUMENTA 13, eine der bedeutendsten Weltausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Die Erwartungen der zwei Leistungskurse Kunst und einem Grundkurs waren groß, lautete doch eine von vielen „erläuternden“ Aussagen der Leiterin der Ausstellung, Carolyn Christov-Bakargiev: „Der Tanz war sehr frenetisch, rege, rasselnd, klingend, rollend, verdreht und dauerte eine lange Zeit“.

Schnell war klar: Von den Arbeiten der über 300 Künstler, die zumal an mehr als 60 Ausstellungsorten in Kassel verteilt waren, konnten wir nur einen Teil sehen.

Nicht unweit vom Bahnhof in einer still gelegten Bahnhofshalle waren über den Schienen Jalousien von der Künstlerin Haegue Yang, deren Lamellen sich unmerklich senkten und hoben, anhielten und immer wieder neue Durchblicke in den Raum ermöglichten.

Dokumenta 2012 2. Jalousien

Wie eine ruhige Tanzchoreographie imaginärer abfahrender und anhaltender Züge, erinnerte diese Arbeit an die Funktion des ehemaligen Bahnhofs.

Dokumenta 2012 3. Fracks-Nähm.klein

Die Nähwerkstatt von István Csákány mit Näh-, Bügelmaschinen und Lampen, alles aus Holz bis ins kleinste Detail fein ausgearbeitet war mit stehenden, körperlosen Arbeitsanzügen kombiniert, die an frühere Arbeitsstätten erinnerten.

Dokumenta 2012 4. Schrotthaufen klein

Auf dem Weg in die Neue Galerie fanden wir einen großen „Schrotthaufen“ vor. Eigentlich passte er dorthin. Dieser Metallberg sah aus, als wäre er schon lange dort gewesen und hinter dem Bahnhof vergessen worden. Aber es war das Werk “Momentary Monument IV” von der italienischen Künstlerin Lara Favarettos und der „Schrott“ wurde für die Ausstellung aus Deponien und Recyclinganlagen dort angehäuft. Keine wirklich „schöne Aussicht“.

Dokumenta 2012 5. Collagenart klein

Entlang des gesamten ersten Stocks der Neuen Galerie erstreckte sich eine Art Collage aus unzähligen ausgeschnittenen Bildmotiven. Diese wurden von dem kanadischen Installationskünstler Geoffrey Farmer aus Ausgaben des Magazins „Life“ von 1935 bis 1985 ausgeschnitten, auf Pappe geklebt und an Schilfhalmen befestigt. Beim Abschreiten einer Seite der langen Arbeit spiegelte sich die vergangene Zeit wieder, auf der anderen Seite waren die Einzelbilder nach Themen geordnet. Unglaubliche Arbeit!

Dokumenta 2012 6. Collageart 1-klein

In einer Glasvitrine waren Spielzeug-Eselchen.

Dokumenta 2012 7. Stoff-Eselchen klein

Auf dem ersten Blick eine „heitere Arbeit“, bei genauer Betrachtung fielen die den Stofftieren zugeordneten Namen auf und die Frage drängte sich auf: „Sind das wirklich die Kuscheltiere so bedeutender Personen?“

Dokumenta 2012 8. Eselchen-M. L. King klein

Hier waren Eselchen von Martin Luther King (US-amerikanischer Pastor, Bürgerrechtler und Wortführer der afro-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, 1929-1968), Victor Jara (Theaterregisseur, Sänger, Musiker, politischer Aktivist in Chile, 1932-1973), Raymundo Gleyzer (argentinischer politischer Filmemacher, 1941-1976), Sophie Scholl (deutsche Widerstandskämpferin gegen die Diktatur des Nationalsozialismus, 1921-1943) und vieler anderer Persönlichkeiten.

Die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic würdigt mit ihrer Installation “The Disobedient (The Revolutionaries)” die Widerspenstigkeit aller Menschen, die sich Unterdrückung, Ungerechtigkeit und Verfolgung entgegenstellen.

Dokumenta 2012 9. Esel-Fotografie klein

Pressefotografie aus der Zeit des Nationalsozialismus kombiniert, die einen 1933 von Stacheldraht umgebenden Esel inmitten einer Menschenmenge zeigt. Ein Schild wies diesen Auftritt als „Konzentrationslager für widerspenstige Staatsbürger“ aus und war als Warnung, nicht bei jüdischen Mitbürgern einzukaufen, inszeniert worden.

Dokumenta 2012 10.Fridericianum-3 SuS klein

Im Fridericianum fanden wir die großen Hallen links und rechts des Foyers leer, nur der Wind schien durch die Hallen zu wehen und einige Besucher versuchten sich in windstille Bereiche zu begeben (so auch die windscheue Frau Grimm).

Dokumenta 2012 11. Wind-Ly.klein

Dieser Windhauch stellte den Kunstbeitrag von Ryan Gander dar. Wo kam der Wind her? Und welche Gerüche, Erinnerungen brachte er mit? Verband er subtil die Kunstorte, die bis nach Kabul, Kairo/Alexandria und Banff reichten? Der Wind wurde künstlich erzeugt, aber die Illusion einer weltumfassenden Bewegung war erzeugt, ganz ohne Worte.

Dokumenta 2012 12.Flugzeuge klein

Beeindruckt haben auch die großformatigen Arbeiten von Thomas Bayrle, wie das aus Tausenden kleiner Bildchen collagierte Flugzeug mit den im Raum aufgeschnitten präsentierten, sich bewegenden Auto- und Flugzeugmotoren, die scheinbar leise Gebete murmelten.

Dokumenta 2012 13. Nalini Malani klein

Mystisch faszinierend, aber auch bedrückend war die Arbeit von der indischen Künstlerin Nalini Malani “In Search of Vanished Blood”. Die Künstlerin thematisiert mit ihrem Video- und Schattenspiel den Fluch der Sehergabe, die verhängnisvolle Stellung der Witwe in der indischen Gesellschaft und das Scheitern zwischenmenschlicher Verständigung.

Dokumenta 2012 14. Welle.klein

In der Karlsaue, einer großen, wunderschönen Parkanlage, waren ebenfalls sehr viele Kunstwerke. Die Arbeit „Wave“ von Massimo Bartolinis musste man suchen und viele haben sie wohl übersehen. Eine Welle in einem kleinen Bassin bewegte sich stetig von den Rändern zur Mitte und zurück ohne überzuschwappen, ruhig, beständig, wie ein Zeitmesser.

Unsere Zeit in Kassel war auch begrenzt und alles zu beschreiben sprengt hier den Rahmen.

Dokumenta 2012 15. Abfahrt-viele vorBHklein

Wir begaben uns wieder Richtung Bahnhof und vielleicht dachten einige über das Gesehene nach.

Auf jeden Fall trifft die Aussage von Carolyn Christov-Bakargiev zu: „Das Rätsel der Kunst besteht darin, dass wir nicht wissen, was sie ist, bis sie nicht mehr das ist, was sie war.“

[Gri – 3/2013]