Aufstand der Schauspieler gegen ihren Regisseur und das Publikum

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Mit hervorragend gespielter Entrüstung provozierten zu Beginn die Schüler des Oberstufenkurses „Darstellendes Spiel” am Freitag- und Samstagabend das zahlreich erschienene, begeisterte Publikum in der „Alten Halle” der Albert-Schweitzer-Schule. Mit dem Theaterklassiker „Heute Abend improvisieren wir! – Ein (Lehr-)stück über die Kunst Theater zu spielen” frei nach Luigi Pirandello gelang es den Darstellern eindrucksvoll den Widerspruch zwischen Wirklichkeit und Fiktion auf der Theaterbühne wirkungsvoll zu entlarven.
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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„Ihr denkt, das ist alles Theater hier!”, wurden dir Zuschauer angeblafft! –  Doch alles war nur gespielt – und damit ließ sich auch dem wüstesten Schauspiel der Wind aus den Segeln nehmen. Denn kaum ein Theater im 20. Jahrhundert ohne doppelten Boden. Doch jener Doppelbödigkeit hat Luigi Pirandello in seinem Stück alles Beruhigende ausgetrieben.
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Das 1930 uraufgeführte Drama setzt die Infragestellung des Theaters durch sich selbst in Szene. Indem Pirandello ein durchschnittliches Schauspielensemble mit dem Personal eines unfertigen Dramas konfrontiert, reißt er die Grenze zwischen Sein und Schein ein. Alles Theater – das ist hier ein Alptraum für die Wirklichkeit. Diesen oft bizarren, aber auch komischen Alptraum haben sich die ASS-Schüler vorgenommen. Unter der Leitung ihres Lehrers, Herrn Dr. Biccari, gelang den Oberstufenschülern eine packende Inszenierung des schwierigen Stoffes.
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Auf einer spartanischen,  fast requisitenfreien Bühne, die durch einen Laufsteg sogar ins Publikum hinein verlängert wurde, spielte sich das absurd-groteske Geschehen ab. Gleichsam durch einen Prolog vor dem Prolog des eigentlichen Stückes setzte die erste Irritation ein: Ein vergeistigt-weltfremder Theaterwissenschaftler (Danijel ?i?a) gerät in einen ästhetischen Disput mit zwei Zuschauern (Katharina Jung, Orod Bazzaz), bevor die eigentlichen Akteure des Stückes die Bühne betreten.
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Nun soll nämlich eine Theatergruppe ein Eifersuchtsdrama um die sizilianische Großfamilie La Croce (Mara Rebaudo, Navid Danishyoo als Eltern und als deren Töchter: Burçu Esmer, Desiree Aruta, Nikolija Alempi?, Aygül Karaüzüm) und eine befreundete Gruppe von Offizieren der Luftwaffe (Abilj Imeri, Rafael Heim, Marian Wamser, Maurice Sportiello, Esad Çebi, Dominik Schmidt) darstellen. Es kommt aber immer wieder zu Verwirrungen und Streitigkeiten innerhalb des Ensembles selbst, zwischen den Darstellern und Teilen des Publikums und vor allem zwischen den Akteuren und ihrem unberechenbaren Regisseur. Die Figur des Regisseurs Dr. Hinkfuß wird von drei Darstellern (Robert Spasov, Armin Reichert, Roberto Manzanares) verkörpert, damit seine vielfältigen und oft widersprüchlichen Eigenschaften herauskommen.
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Im Laufe der Handlung kreisen die Protagonisten gebannt um ihr Familientrauma: eine außereheliche Begegnung zwischen dem Familienvater (Navid Danishyoo) und Nachtclub-Sängerin (Rasia Sedeqie) im Cabaret. Mit subtiler Intensität beeindruckte Mara Rebaudo als leidende Mutter ebenso wie Burçu Esmer als verstörte Tochter Mommina in ihrem abgründigen, expressiven Monolog und zuvor in dem bedrückend dramatisch-realistischen Dialog mit ihrem dämonischen Widersacher (glänzend verkörpert von Abilj Imeri)!
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Untermalt von stimmungsvoller Musik aus dem Off und einem live am Klavier gespielten Walzer (Rafael Heim) gestalteten auch viele Nebenfiguren die teils gedrückte, teils überschäumende Stimmung der Handlung: Die Gäste des Cabarets (Younes Al Jatari, Hakan Cüldür zusammen mit Roberto Mazza und Navid Danishyoo) und die Tänzerinnen (Elena Patwary, Maleen Burzeya, Melisa Hadzi?, Naoual Abardah).
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Mit schönen optischen Effekten trug die Licht-AG (Meike Weigel, Benjamin Ebert) zum Gelingen der Aufführung bei.
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(Foto: Klaus Schneider-Grimm)
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Die Schüler und Schülerinnen des Grundkurses Darstellendes Spiel Q3 meisterten mit überschäumender Spielfreude und Textsicherheit den rasanten Zweiakter. Der eine oder andere skurrile Regieeinfall trug mit zur Unterhaltung bei. Herr Dr. Biccari war nach der Premiere sichtlich stolz auf seine Truppe, die in den vergangenen Wochen und Monaten trotz einiger Widrigkeiten ein bemerkenswertes Stück auf die Bühne der Alten Halle bringen konnte.
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[Lm, 2/2012]
(Foto: Klaus Grimm)
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alle Fotos: Klaus Schneider-Grimm
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Ein Tänzchen…
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Stress beim Militär…
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