Am Freitag, 30. September 2016 gastierten Herr von Goethe, Faust, Gretchen und der finstere Mephistopheles im Offenbacher Capitol und begeistertern mit „Faust – Die Rockoper“ das Offenbacher (Schüler-)Publikum für die effektgeladene musikalische Variante dieses Theater-Klassikers.

Auch zahlreiche ASS-Schüler (Grund- u. Leistungskurse Deutsch und Musik, die Klasse 9e und die Schulchöre) ließen sich die einmalige Gelegenheit nicht entgehen und pilgerten gespannt zur Sondervorstellung für Schulklassen am Vormittag ins Capitol.

School of Rock

Die Rockoper „Faust“ feiert am Freitagvormittag und -abend ihr Debüt im Capitol Offenbach

Das Offenbacher Amt für Kulturmanagement und sein Leiter Dr. Ralph Ziegler halten nichts von Städterivalitäten oder falschen Vorurteilen. Kein Wunder also, dass der Amtsleiter am Freitagabend verkündete, man habe einem „weniger bekannten Dichter“ und einem „selten gespielten Stück“ eine Chance geben wollen. Dass es sich hierbei nur um einen der vielen Slapsticks dieses Abends handeln sollte, war jedem der Zuschauer im gut gefüllten Capitol sofort klar. Schließlich stand mit Goethes Faust eines der bekanntesten und bedeutendsten Werke der Literatur auf dem Programm.

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Bereits seit der Einführung der zentralen Abitur-Abschlussprüfungen in Hessen ist dieses Werk ein obligatorischer Bestandteil der Reifeprüfung und muss von jedem Abiturienten gelesen werden. Kein Wunder also, dass das Drama Im Gewand einer Rockoper gleich zweimal an diesem Tag aufgeführt wurde. In der Vorstellung am Vormittag hatten etwa 800 Abiturienten den rockig-poppigen Klängen des 23-köpfigen Ensembles gelauscht. Um dem strengen Urteil der Oberstufenschüler und Studienräte gerecht zu werden, wurde hierbei auf den originalen Goethetext zurückgegriffen und wichtige Zitate besonders in den Mittelpunkt gerückt.

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So etwa, als bei dem Zitat „Hier bin ich zuhause, hier darf ich sein“ das Publikum mehrmals darum gebeten wurde, den Satz zu ergänzen. Während diese altbekannten Sätze meist gesprochen wurden, wurde der restliche Teil des Werkes wie zum Beispiel Fausts bekannter Anfangsmonolog mit rockigen und poppigen Arrangements neu eingekleidet. Insbesondere im ersten Teil der Inszenierung, die aus der Gelehrtentragödie bestand, herrschten klar schnelle Rocknummern vor, die Manfred Hecht (Bass), Felix Bodner (Gitarre), Lucas Schneider (Drums) und Daniel Tutschek (Keyboard) souverän und mit einer ordentlichen Portion Groove vorgetragen wurden.

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Anders als bei klassischen Inszenierungen, wo die Musiker meist in einem Orchestergraben vor dem Publikum verborgen musizieren, waren sie am Freitagabend ein fester Bestandteil der Bühnenchoreographie. Nicht nur am Schluss des Stückes, wo Hecht und Bodner mit freiem Oberkörper und mit axtförmigen Gitarren sowie Henkermützen Gretchens Schicksal besiegelten, sondern bereits zuvor, wo sich die Tänzerinnen in knappen schwarzen Kleidern und mit roten Teufelshörnern durchaus auch für die Band interessierten.

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Stimmlich ragte an diesem Abend insbesondere Manuela Markewitz heraus, die als Grete erst nach der Pause in der sogenannten „Gretchentragödie“ ihren Auftritt hatte. Passend zu ihrer klaren und sehr gut ausgebildeten Stimme gestalteten sich die Arrangements der zweiten Hälfte wesentlich ruhiger, poppiger und balladenhafter. In wunderschönen Duos zeigte sie zusammen mit Gesangspartner Tomasz Dziecielski (Faust) ihr Können. Zum echten Publikumsliebling avancierten dagegen Falko Illing (Mephisto) und Henrike Baumgart (Hexe und andere Rollen), die für ihre Auftritte vom Publikum besonders lautstark gefeiert wurden.

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Etwas ärgerlich an der sehr unterhaltsamen und kurzweiligen Vorstellung war allerdings an einigen Stellen der Umgang mit dem Originaltext. So erschien im zweiten Teil des Werkes die Kürzungen nicht immer glücklich, wenn etwa der Kindsmord und das Duell Fausts mit Valentin gänzlich unerwähnt blieben und somit die Schlussszene doch etwas zu oberflächlich daherkam. Trotzdem wusste die Originalinszenierung vom Brocken mit einer effektgeladenen Vorstellung zu gefallen, die mit einer umfangreichen Zugabe abgerundet wurde. Schließlich zeigte der zufriedene Applaus, dass auch Offenbacher dem Werk eines Frankfurters Tribut zollen können.

Sebastian Krämer
[erschienen in der Offenbach Post, 4.10.2016]

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