Unter dieser Maxime des Landes hatten wir bereits zu Beginn des Schuljahres eine herausfordernde Umgestaltung unseres Unterrichts in Darstellendem Spiel zu leisten.

Ursächlich ein Fach, in dem Körperkontakt gern gesehen ist, z.B. als Mittel zur Darstellung einer Figurenkonstellation, wie durch Schmusen eine Liebesbeziehung verdeutlichend, oder, um einen Ort anzudeuten, wie einen Bus, in dem Spieler nah beieinander sitzen.

Nun war ein Sich-Annähern-Bis-Auf-Zwei-Meter angesagt und der gelernte Text wurde in die Maske genuschelt. Auch das Raumkonzept wie die Bühnenform, die je Inszenierungsverlauf von der Lerngruppe (dem Ensemble) entsprechend des Inhaltes ausgewählt wird, war formgebend festgelegt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Und nun so unterrichten?

Bei genauer Betrachtung sind wir damit in der Schule den Kulturstätten zeitgenössischen Theaters sehr nah, denn auch dort herrscht Verwirrung, Aufführungspause, Leerlauf, das Probieren an neuen Formaten.

So sprach eine Regisseurin bespielweise aus Slowenien die Anweisungen via Zoom an den Darsteller in den Frankfurter Naxoshallen, um Ayschilos´ „Die Perser“ zu inszenieren und ein Q4-Kurs aus der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach -jeder für sich unter Zuhilfenahme eines heimischen Rechners – und andere Kulturinteressierte schauen zu. [i]

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist das noch Theater?

Ich weiß es auch nicht. War Theater doch wesentlich durch die Live-Erfahrung bestimmt. Das hatte sich der durchschnittlich begabte DSP-Schüler erfolgreich gemerkt und in der Klausur niedergeschrieben und dann kam der Virus. So ein Mist.

Theater versucht heute auch gestreamt Theater zu bleiben, alles wird digitalisiert und die Sicherheitsabstände müssen eingehalten werden. Aber eine Aufführung muss es doch geben! Das ist das Endziel, das Publikum der letzte, zu überzeugende Gegner, den es zu verwundern, zu belehren oder zu berauschen gilt!

Also wollten wir auch aufführen dürfen und dank Frau Humberts Hygiene-Konzept ist das Live-Erleben, z.B. als Zuschauer von einem Spieler ein wenig Spucke auf die Wange gespuckt zu bekommen wie bei wilden Szenen im Frankfurter Schauspiel, zumindest für Zuschauer in den ersten Reihen maximal eingedämmt. Die drei Kurse der Q4 können sich ihre, nennen wir sie mal Work-in-Prozess-, Stücke gegenseitig vorstellen. Es gilt allerdings, die Sicherheitsabstände einzuhalten.

 

 

 

 

 

 

Was tun Kreative?

Sie machen sich die Nöte zu Tugenden, die Vorgabe zum Stilmittel und dann wird einfach so getan, Als-Ob das Nuscheln in die Maske zur Figur gehöre, insofern Figuren überhaupt etabliert werden. Das ist nicht nur kreativ, sondern auch klug, weil ein zweites konstitutives Element des Theaters neben der Live-Erfahrung schließlich die Als-Ob-Situation, das Spiel (mit den Bedingungen?) ist. Prima!

Das gesellschaftlich wirklich relevante und absolut aktuelle Thema, was die Jugend sowie die Älteren umtreibt, ist leicht gefunden, „liegt auf der Straße“ und so sehen wir die wahrscheinlich längste Klopapierrolle der Welt, Chaos im Corona-Supermarkt (C2020, Spielleitung: Frau Stoimenoff), Figuren in Cubes, isoliert, nahe des Irrsinns aufgrund mangelnder Sozialkontakte (Break Free, Spielleitung: Frau Humbert), und eine formulierte Frage der Generation Netflix; wozu ist Theater überhaupt zu gebrauchen? „Wir sind nicht hier, um Euch zu unterhalten“ (wild.wild.wild, Spielleitung: Frau Rosenberg), oder doch?

Ich fühlte mich unterhalten und bedanke mich herzlich bei den Spielerinnen und Spielern, Helfenden an Licht, Ton und Kamera und der Möglichkeit, diesen Abend mitgestalten zu dürfen. Schön war es!

Für den nächsten Theaterabend an der Albert-Schweitzer-Schule in Offenbach wünsche ich mir, dass auf der Bühne Schokoküsse gegessen werden dürfen und sich Körper aneinander reiben. Schauen wir mal, ob daraus etwas wird.

Anika Rosenberg

 

[i] studionaxos

[Ros – 2/2021]