Stadtrundgang mit dem ehemaligen Stadtarchivar, Herrn Ruppel

Am 30. Juni 2021 nahmen wir, Schülerinnen und Schüler der Albert-Schweitzer-Schule, an einem  Stadtrundgang, geführt vom ehemaligen Stadtarchivar Hans-Georg Ruppel, teil.

Anlässlich unserer Beteiligung am Schulprojekt „Erinnern und Gedenken”, welches von Herrn Koch und Frau Röhm geleitet wird und sich der Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und der faschistischen Staatsideologie, die die gesellschaftliche Ausgrenzung der Juden durch antisemitische Hetze als zentrales Ziel hatte, widmet, wurden uns die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf lokaler Ebene und die architektonischen Spuren der jüdischen Geschichte Offenbachs gezeigt.

Unsere Stadterkundung beinhaltete insgesamt fünf verschiedene historische Stationen: den Wilhelmsplatz, die erste Synagoge Offenbachs in der Großen Marktstraße, die Frankfurter Straße, den Büsingpark und das Capitol.

Unser Rundgang zu jüdischen Stätten in Offenbach begann am Wilhelmsplatz. Dort haben wir gelernt, dass der heutige Standort des Wochenmarkts zu Beginn der Machtkonsolidierung Adolf Hitlers zum „Platz der NSDAP” umbenannt und als Reichsparteitagsgelände verwendet wurde und auf dem die Autorität des Regimes dem deutschen Volk demonstriert wurde.

Dieser Platz war somit Teil des Personenkultes um Hitler und diente der Propaganda und der politischen Zusammengehörigkeit. Bereits 1933 wurden jüdische Mitbürger, wie z.B. der Sohn des  Kaufhausbesitzers Hugo Oppenheimer, Georg Oppenheimer, und der Rechstanwalt Dr. Weinberg, der damals Vorsitzender des „Offenbacher Fußballclub Kickers” war, festgenommen und zum Wilhelmsplatz geführt, wo sie mit Zahnbürsten die mit Ölfarbe auf das Pflaster gemalten kommunistischen Parolen entfernen sollten. Dies geschah in aller Öffentlichkeit, ohne dass Offenbacher Bürger und Bürgerinnen eingegriffen hätten.

Darüber hinaus haben wir gelernt, dass zahlreiche jüdische Bürger während des Nationalsozialismus systematisch im Sinne des Regimes aus ihren Häusern und aus Offenbach vertrieben und in Konzentrationslagern inhaftiert wurden, während nur wenige es schafften, rechtzeitig zu emigrieren.

Unsere nächste Lernstation war die erste Synagoge Offenbachs. Seit 2012 weist eine Stele darauf hin, dass an der Ecke zwischen der Großen Marktstraße und Hintergasse eine im Jahre 1729 gebaute Synagoge gestanden hat. Damals hieß diese Straße „Große Judengasse”, da hier die meisten Juden des damaligen Offenbach wohnten. Dieser Standort war das Zentrum des jüdischen Lebens in der Stadt. Die Synagoge ermöglichte den Gläubigen nicht nur das Ausüben ihrer religiösen Praxis, sondern verfügte auch über eine eigene Schule und ein Hospital. 2012 wurde die Ostwand der früheren Synagoge freigelegt und aufwändig restauriert; diese weist nach Jerusalem, an ihr befand sich der Thoraschrein, in dem die Thorarollen aufbewahrt wurden, und das „Ewige Licht”.

Herr Ruppel führte uns dann zur Frankfurter Straße und erklärte, dass die jüdische Gemeinde Offenbachs in der Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Blütezeit erlebte und dass ein Teil der damaligen jüdischen Gemeinde in der Zeit vor dem Nationalsozialismus aus Kaufleuten, Fabrikanten und Handwerkern bestand.  Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde jedoch vielfach der Besitz jüdischer Kaufleute in Offenbach „arisiert”, das bedeutete, dass diese ihren Besitz unter dem wahren Verkaufswert an „Arier” verkaufen mussten, wie z.B. das Kaufhaus Oppenheimer am Marktplatz, das die Firma „Kalberlah” 1936 übernahm. Die jüdischen Besitzer ihrerseits wurden aus der Stadt vertrieben.

Der Spaziergang führte weiter zum Büsingpark. Es war für uns sehr interessant zu entdecken, dass die Straßen des Parks nach lokalen, jüdischen Persönlichkeiten benannt sind, wie z.B. dem Rabbiner Dr. Solomon Formstecher, der der erste jüdische Ehrenbürger Offenbachs war, dem Reformrabbiner Dr. Max Dienemann sowie Regina Jonas, die erste Rabbinerin der Welt.

Die letzte Station unseres Rundgangs war das Capitol an der Kaiserstraße, Ecke Goethestraße, das bis zu den Novemberpogromen 1938 als Synagoge genutzt wurde. Bis dahin hatte der 1916 errichtete Kuppelbau 700 Personen Platz geboten und war, laut Herrn Ruppel, „schon aufgrund seiner im römisch-griechischen Stil anmutenden Architektur ein eher untypischer Sakralbau.“

Der an der Bettinastraße liegende Platz hinter der Synagoge wurde schließlich nach der Pogromnacht als Sammelstation für die Deportationen genutzt. Das Gebäude selbst wurde während des Pogroms relativ wenig beschädigt.

Nach dem Krieg wurde es als Theater in städtischer Hand wiedereröffnet. Nicht weit davon entfernt in der Kaiserstraße 109 entstand 1956 die erste Synagoge Hessens nach dem Krieg. Die Gemeinde selbst wurde bereits am 20. Juli 1945 durch den Holocaustüberlebenden Chaim Tyson gemeinsam mit zwölf Menschen in einem Betsaal gegründet.

Für uns war der Stadtrundgang eine interessante, aber auch erschütternde Reise in die Vergangenheit. Die Gelegenheit, etwas über die lokale Geschichte Offenbachs während der NS-Zeit zu lernen, war interessant für uns, so dass die Stadterkundung eine gute Möglichkeit war, das eigene Wissen zu erweitern.

Die traurigen Schicksale der jüdischen Bevölkerung Offenbachs haben uns jedoch auch zutiefst erschüttert und wir waren uns einig, dass Wachsamkeit gegenüber jeder Form ausgrenzender Ideologie und Verhalten wichtig ist.

Antonia Balas (E2)

[Rö – 7/2021]