Projektfahrt zur Gedenkstätte Dachau – 17.-21. Januar 2022 – Erinnern und Gedenken an Offenbacher Bürger jüdischen Glaubens in der Zeit des Nationalsozialismus

Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern der Q1-Phase war mit ihren Lehrkräften Januar 2022, Frau Röhm und Herrn Koch, auf einer Studienfahrt in Dachau, einer Stadt in der Nähe Münchens. Dort haben wir viele Eindrücke gesammelt und erzählen in diesem Bericht von der Reise, welche sich vor allem mit dem Thema „Verfolgung von Juden im Nationalismus“ beschäftigt hat.

Tag 1: 7. Januar 2022

Am Montag, den 17.1.2022 sind wir nach einer langen aber schönen Zugfahrt in Dachau bei München angekommen. Dort haben wir erst einmal unsere Leiterin Stefania kennengelernt. Stefania begleitete uns durch diese emotionale Woche und führte uns durch das Programm.

Das Programm fing mit einem Gespräch mit Ernst Grube an. Ernst Grube ist ein 89-jähriger Zeitzeuge der NS- Zeit. Während der NS- Zeit musste er als Kind oft von seinen Eltern getrennt leben, da seine Familie arm war und ausgeschlossen wurde. Deswegen musste er mit seinen Geschwistern im jüdischen Kinderheim leben. Gegen Ende des Krieges wurde seine Familie außer seinem Vater, welcher nicht jüdischen Glaubens war, ins Ghetto Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg kehrte seine Familie heim nach München und versuchte nach diesen traumatischen Erlebnissen ihr Leben weiterzuführen.

Trotz dieser politischen Hindernisse ist er immer noch bereit, vielen Generationen über diese schlimme Zeit zu berichten, um ein Vergessen zu verhindern.

In einem langen intensiven Gespräch hat er alle unsere Fragen beantwortet. Nach einem bewegenden Gespräch haben wir unseren Tag mit einem gemütlichen Beisammensein ausklingen lassen.

von Nikoleta

Tag 2: 18. Januar 2022

Der zweite Tag unserer Studienreise, der Dienstag, begann nach unserem gemeinsamen Frühstück mit der Einführung in der Thematik des Nationalsozialismus und der Geschichte der KZ-Gedenkstätte Dachau, die wir später auch besichtigten. Unter der Anleitung unserer Studienbetreuerin Stefania wurden wir durch zahlreiche sehr interessante, aber zugleich oft auch schockierende Informationen anhand interaktiver Gruppenaufgaben zum besseren Verständnis des Ortes auf unseren Besuch der Gedenkstätte vorbereitet.

Wir haben erfahren, dass das Konzentrationslager Dachau wenige Wochen nach Adolf Hitlers Ernennung zum Reichskanzler vom NS-Regime errichtet wurde. Zunächst diente das Lager der Inhaftierung von politischen Gegnern des Nationalsozialismus. Es diente – vor allem in seinen Anfangsjahren, als die NSDAP ihre Macht festigen wollte – zur Inhaftierung und zur Einschüchterung politisch Andersdenkender. Das betreffende „Dachauer Modell” der Inhaftierung und Ermordung sogenannter „Staatsfeinde” wurde auf alle weiteren Konzentrationslager übertragen. Es hat uns schockiert zu erfahren, dass weitere, solche

„Terrorinstrumente” in Deutschland zum gleichen drangsalierenden Ziel errichtet worden sind. Zudem hat unsere Studienleiterin uns erklärt, dass mit der Zeit als Regimegegner auch immer mehr Personen aus “rassenideologischen” und „sozialhygienischen“ Gründen zur sogenannten „Reinigung der Gesellschaft” inhaftiert wurden. Dazu gehören sexuelle und ethnische Minderheiten wie Homosexuelle und Sinti und Roma. Auch Personen, die wiederholt Straftaten begangen haben oder einen unangepassten Lebensstil führen, wurden als „kriminell“ und „asozial“ verfolgt und in KZ-Haft genommen. Die Kennzeichnung der Häftlingsgruppen unterschied sich in Form und Farbe durch die jeweiligen „Taten” der Inhaftierten. Zusätzlich bekam jeder Inhaftierte eine Nummer auf die Kleidung genäht, welche dessen Namen und Identität ersetzte. Der einzige Gedanke, gezwungen zu werden, sich von der eigenen Identität zu entbinden, war für uns kaum vorstellbar.

Laut unserer Studienleiterin habe die SS nach der Reichspogromnacht von 1938 verstärkt auch Juden inhaftiert. Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden auch Menschen aus besetzten Gebieten Europas im KZ Dachau inhaftiert. Mit Kriegsbeginn verschlechtern sich die Lebensumstände für die Häftlinge im KZ Dachau drastisch. Haft und Ermordung und eine immer weiter steigende Anzahl von damals erwägten „Staatsfeinden” fanden täglich statt. Im Februar 1943 proklamiert die NS-Führung den „totalen Krieg“. Dies bedeutete den großangelegten Einsatz von KZ-Häftlingen als Zwangsarbeiter zur radikalen Mobilisierung aller verfügbaren Ressourcen für den angestrebten „Endsieg“ des Deutschen Reiches unter der NS-Führung. 1945 kam es im Stammlager Dachau zur laufenden Evakuierung aus frontnahen Konzentrationslagern, die von der SS aufgelöst wurden, um die Befreiung der Häftlinge durch die alliierten Truppen zu verhindern. Mindestens 25.000 Häftlinge kamen bei den Evakuierungen ums Leben. Am 29. April 1945 befreien Einheiten der US-Armee das KZ Dachau. Das Dachauer Konzentrationslager war das erste der bei Kriegsende noch bestehenden Lagern, und es wurde auch dadurch eines der bekanntesten. Es war zwölf Jahre durchgehend in Betrieb, doppelt so lange wie viele der anderen Konzentrationslager. Von den insgesamt mindestens 200.000 Häftlingen des KZ-Dachau starben etwa 41.500 während seiner zwölfjährigen Funktionsperiode.

Seit 1965 befindet sich auf dem Gelände die KZ-Gedenkstätte Dachau, die von zahlreichen Personen jährlich besucht wird. Nach der thematischen Einführung unserer Studiengruppe, die uns sehr zum Nachdenken über eine so schreckliche Periode der deutschen Geschichte brachte, bekamen wir die Gelegenheit, Teil dieser vielen Besucher zu sein. Somit fing unsere Führung durch die KZ-Gedenkstätte Dachau um zwölf Uhr an.

Wir verließen die Jugendherberge, begleitet von unserer Studienleiterin und unseren Lehrern, Herrn Koch und Frau Röhm. Zunächst haben wir das Gleisstück zum SS-Lager erblickt, wo die Züge die Häftlinge direkt in das SS-Lager brachten. Südlich vom SS-Lager war früher die SS-Siedlung, wo viele Villen als Wohnhäuser für die SS-Männer fungierten, jetzt gehören dieses Häuser der Bayerischen Bereitschaftspolizei.

Nach unserem Eintritt in der heutigen Gedenkstätte wurden wir in einem auf uns enorm wirkenden Hof geleitet. Dieser war der ehemalige Appellplatz (3-4 Fußballfelder groß), wo sich morgens wie abends die Häftlinge versammelten, um durchgezählt zu werden oder manchmal auch Strafen zu erfahren, wenn z.B. einer von ihnen fehlte. Heute ist dort ein Mahnmal mit Gedenktafeln aufgestellt. Die Häftlinge schliefen in 34 Baracken, aber nur zwei von denen, am Rande des Appellplatzes, wurden wiederaufgebaut. Diese Baracken wurden in zwei vertikalen Reihen nacheinander platziert. In einer Baracke war Platz für 300 Häftlinge, aber bis zu 2000 schliefen darin. Bei der kleinsten Regelverletzung gab es die schlimmsten Strafen und Folterungen. Die Häftlinge wurden in Arbeitskommandos (Küche, Verwaltung, Plantagen etc.) eingeteilt. Das Arbeitskommando, in das ein Häftling eingeteilt wurde, entschied oftmals darüber, wie groß die Chance auf sein Überleben war. Die meisten Toten gab es auf den Feldern, da dort die Arbeitsbedingungen und die Behandlung der Häftlinge die nachteiligsten waren, wie unsere Leiterin uns erklärte. Die ganze Größe des Geländes zeigte sich dann, als wir an den Stellen vorbeigingen, wo früher die restlichen Baracken und unter anderem auch ein Lagerbordell und eine Zuchtstation von Kaninchen gestanden hatten und wo nun verschiedene Denkmäler und Gedenkstätten verschiedener Religionen stehen. Wir haben dann das ehemalige Wirtschaftsgebäude des KZ Dachau besucht, ein u-förmig gemauertes Bauwerk, parallel zu den Baracken und nahe an den Eintritt in das KZ-Gelände gebaut, das heute die Ausstellung der Gedenkstätte beherbergt.

Zur Zeit des Nationalsozialismus befanden sich darin unter anderem eine Küche und das berüchtigte Bad, das heißt eine Duschanlage, welche die SS als Ort für Folter benutzte. Die graphischen Zeugnisse zu den Foltertaten der SS und des Leidens der Opfer hatten uns zutiefst erschüttert und schockiert.

Zum Schluss besichtigten wir die Desinfektionskammer, wo die Uniformen der Häftlinge gereinigt wurden, die Gaskammer und das Krematorium. Die durch diese Orte vermittelte Stimmung kann man noch immer als sehr bedrückend beschreiben und die Räume, wo in der damaligen Zeit massenhaft Leichen verbrannt und abgelegt wurden, sowie die Gaskammer, in der Versuche mit Gas an einigen wenigen Insassen durchgeführt wurden, machen einem erst in diesem Moment richtig klar, wie schlimm man sich die Ausmaße der damaligen Geschehnisse auch nur annähernd vorstellen kann.

Für eine Stunde nach unserem Rundgang durch die Gedenkstätte durften wir selbständig das Gelände eigenständig entdecken. Wir reflektierten das Gelernte und Gesehene. Auf unserem Weg zurück zur Jugendherberge und während des Abendessens herrschte Stille. Alle waren sehr betroffen und nachdenklich. Später, während einer Reflexionsrunde in Eigenregie mit unseren zwei Lehrern, haben wir über das, was wir empfunden und während des Rundgangs mitbekommen haben, gesprochen. In den emotionalen und bedrückenden Momenten war jeder von uns für den anderen da. Das Mitteilen unserer Empfindungen in der Runde hat uns getröstet und geholfen, stärker zu sein. Der Besuch im KZ-Dachau hat uns sehr eindringlich das Schicksal der Juden und aller anderen Verfolgten im Dritten Reich dargestellt. Es ist unfassbar, welches unvergleichbare Zeugnis der Brutalität und Angst, die dort, gar nicht mal so lange Zeit her, über allem regierte. Doch was können wir aus dieser Geschichte für unsere heutige Zeit mitnehmen? – Der zunehmende Antisemitismus und der neue Rechtspopulismus können auch jetzt unsere Demokratie noch gefährden. Wir hoffen, dass die Geschichte als Lektion für die Menschheit fungiert und sich Menschen mit Zivilcourage und Solidarität gegen eine Wiederholung einsetzen.

von Antonia

 

Tag 3: 19. Januar 2022

Am Mittwoch ging es nach dem Frühstück für uns zum Gedenkort des SS-Schießplatzes in Hebertshausen. Zwar waren wir alle vom Besuch der KZ Gedenkstätte in Dachau noch etwas mitgenommen und ergriffen, jedoch waren wir auch gespannt auf das, was uns dort erwarten würde.

Angekommen am Schießplatz wurden wir von vielen Informationstafeln empfangen, die die Biografie vieler Opfer des NS-Regimes darstellten. Manche von Ihnen waren damals noch sehr jung, andere kürzlich verheiratet gewesen. Alle haben jedoch hier ihren Tod durch Erschießung gefunden.

Es ging dann weiter zu den Gedenktafeln, die tausende Namen von Personen nannten, deren persönliche Geschichten blieben allerdings unerzählt.

Zuletzt ging es zu den Erschießungsplätzen und Kugelfangtoren, in anderen Worten zu den Plätzen, an denen tausende von sowjetischen Männern ihren Tod gefunden hatten.

Diese Steinwände fingen über tausende von Kugeln auf und hinterließen tiefe Abdrücke. Die Kugeln, die solch tiefe Abdrücke in einer Steinwand hinterließen, durchbohrten einst die   Körper und Köpfe der unschuldigen Menschen, die hier ihr Leben lassen mussten. Für einen kurzen Moment war es so still, dass man den Wind hörte.

Wir stellten uns vor, dass hier an dieser Wand zahlreiche, unschuldige Menschen das Leben genommen wurde, was uns ein Gefühl von Ohnmacht gab.

Wir sahen einander an und trösteten uns gegenseitig. Manche waren sehr dankbar, dass wir diese Reise als Gruppe angetreten sind.

Lange konnten wir an dem Ort nicht bleiben, deshalb machten wir uns schnell auf den Rückweg. Auf dem Weg war es sehr ruhig, die meisten von uns wollten einfach nur zur Jugendherberge zurück.

Dort erwartete uns Andre Scharf, der Archivar der Gedenkstätte Dachau. Er zeigte uns, wie die Recherche zu Menschen, die Opfer in Dachau wurden und noch nicht identifiziert wurden, funktioniert.

Am Abend reflektierten wir über das Erlebte des Tages und konnten in der Gruppe unseren Kummer hinter uns lassen.

Frau Röhm hatte die Idee, dass wir im Sitzkreis mit dem Ablegen eines Steines auf den Boden in der Mitte unserer Gruppe unseren ganzen erlebten Kummer des Tages „loswerden“. Die Beklommenheit wich damit von uns und Süßigkeiten taten ihr übriges.

Während dieser Reise kamen wir uns alle menschlich einander näher und lernten, uns beim Bewältigen der Unrechtstaten der Nazis beizustehen.

von Ali

Tag 4: 20. Januar 2022

Am Donnerstag haben wir unseren Tag in München verbracht. Für uns ging es erst in das NS-Dokumentationszentrum, in dem wir eine Führung von Stefania bekommen haben. Es ging um die Zeit von 1918-1945, genauer gesagt den Anfängen des Nationalsozialismus. Wir waren alle schockiert, als wir von den Beschmierungen von Synagogen in den frühen 20-er Jahren gelernt haben. Generell gab es sehr viele neue Informationen für uns, über die Weimarer Republik bis hin zu vielen uns bis dahin unbekannten verantwortlichen Personen und Helfer*innen Hitlers. Es gab noch weitere Ausstellungen im Museum.

Unter anderem waren Fotografien der AIZ ausgestellt, eine Propaganda Zeitschrift der KPD. Es waren Karikaturen der Illustratorin Nora Krug ausgestellt.

Ungefähr 20 Ratschläge mit kinderleicht zu verstehenden Bildern wurden dargestellt, die man sich zu Herzen nehmen sollte, damit sich etwas ähnliches wie der Nationalsozialismus nie wiederholt. Meine persönlichen Favoriten waren die Ratschläge ,,Sei freundlich zu unserer Sprache” und ,,Frage nach und überprüfe”.

Nach dem Museumsbesuch durften wir uns in München frei bewegen. Wir schauten uns Sehenswürdigkeiten an und schlenderten durch die Innenstadt, als es plötzlich anfing zu schneien. Das Ambiente der wunderschönen Münchner Altstadt und des Schnees war märchenhaft. Am Abend traf sich die ganze Gruppe in einem Restaurant wieder. Es wurde viel gelacht und sich über die Erlebnisse des Tages ausgetauscht. Danach fuhren wir mit der S-Bahn zurück in unsere Herberge. Alle gingen auf ihr Zimmer, eine Reflektionsrunde gab es nicht mehr, wir waren zu erschöpft und mussten anfangen unsere Koffer zu packen.

von Mia

Tag 5: 21. Januar 2022

Am Freitag trafen wir uns nach dem Frühstück im Seminarraum, in dem ein Workshop zum Thema „Antisemitismus und Deutsch-Rap“ stattfand. Wir wurden in Gruppen aufgeteilt, bekamen jeweils einen Liedtext und Informationen dazu und sollten die Lieder auf – zum Teil unterschwellige – antisemitische Tendenzen hin untersuchen. Im Plenum diskutierten wir dann über unsere verschiedenen Meinungen zu den Liedern und deren Interpreten. Es gab eindeutig unterschiedliche Meinungen zu den Texten, z.B. zu den Liedern des Offenbacher Rappers Haftbefehl, dennoch konnten wir uns darauf einigen, dass hinter dem Gesamtbild des Künstlers und all seinen Liedern zusammen, es oft antisemitische Ressentiments gibt. Anschließend aßen wir zu Mittag und nahmen den Zug zurück nach Offenbach.